Die Veräppelung

Die Euro-Einführung liegt bald ein Vierteljahrhundert zurück, aber – lachen Sie ruhig – mein Gehirn schaltet immer noch gelegentlich in den Umrechnungsmodus. Ohne erkennbaren Anlass, ich hab das nicht unter Kontrolle, es ist eine Art Schluckauf im Hinterkopf. Der kürzlich unvermittelt an der Supermarktkasse hickste: Das waren mal mehr als 80 Schilling! Ja, das wäre mir anno dunnemal aberwitzig vorgekommen für so wenig Einkauf – ein Kilo Mandarinen im Supersonderangebot, und von der Diskont-Eigenmarke 400 Gramm Erdnüsse sowie 150 Gramm Tablettenverabreichungsschinken für die kleine Katze. Aber dass so ein bisschen Kleckerkram sich heute auf € 6,32 summiert, ist nicht weniger schockierend, das ist knapp der Betrag, den deutsche Bürgergeldbezieher:innen pro Tag für Lebensmittel zur Verfügung haben.

Mein eigenes Lebensmittelbudget liegt darüber, wenn auch nicht dramatisch viel, vor allem aber bin ich in der privilegierten Situation, nichts davon abzwacken zu müssen, um andere nötige Ausgaben stemmen zu können. Sogar Erhöhung war möglich, um mit den galoppierenden Preisen halbwegs Schritt zu halten, dafür kann ich nun weniger beiseite legen, um für nicht planbare, aber unvermeidliche Ausgaben gewappnet zu sein, Sie wissen schon, defekte Waschmaschine, neue Brillengläser und dergleichen. Das wird im nächsten Jahr nicht besser werden, aber sowas von nicht.

In einem Nachrichtenjournal hörte ich neulich eine Konsumentin sinngemäß sagen, sie müsse nun auch Lebensmittelpreise vergleichen, statt wie bisher einfach kaufen zu können, worauf sie Appetit habe; willkommen in meiner Welt, dachte ich da. Was diese Entwicklung für Menschen im Souterrain der Einkommenspyramide bedeutet, vermag ich mir gar nicht auszumalen, wo willst du denn noch am Essen sparen, um irgendeine Rechnung zahlen zu können, wenns so schon kaum reicht? Spätestens jetzt, so möchte eins meinen, wäre die Politik gefragt, sinnvolle Ideen zu präsentieren, wie Inflation und explodierende Lebensmittelpreise im Zaum gehalten oder wenigstens Bezieher:innen kleiner und kleinster Einkünfte entlastet werden können. 

Wobei Lebensmittel hierzulande nicht erst seit gestern teurer sind als zB bei den deutschen Nachbar:innen, vor dem EU-Beitritt wurde das mit dem abgeschotteten Land begründet, mit zu vielen kleinen teuren Greißlern und zu wenig großen billigen Supermärkten. Jetzt hamma halt zu viele Supermärkte, das kostet, und zu viele Berge, transporttechnisch aufwändig; irgendein Grund für einen Österreich-Aufschlag bei der Preisgestaltung findet sich immer. Aktuell gern genommen werden auch TSC aka territoriale Lieferbeschränkungen1, weshalb leider, leider im kleinen Österreich alles teurer sein muss als nebenan, es aber ja eigentlich sowieso nicht wirklich teurer ist, weil Österreicher:innen als verspielte Wesen mit großer Leidenschaft Rabattmarkerl2 auf Einkäufe picken und auch sonst jedem Sonderangebot hinterherrennen, weshalb in der Alpenrepublik eh fast nix zum Regulärpreis verkauft wird, also alles paletti, sagt der Handel. 

Das gemeine Österreichy aus den unteren Pyramidenetagen sieht das anders, weshalb die Politik von Zeit zu Zeit doch Ideen in den Raum wirft. Fix am Start ist immer eine Mehrwertsteuersenkung, klingt verlockend, auf einen Schlag alles Essbare billiger, sofern mit einer Pflicht zur Weitergabe der Steuersenkung verbunden. Da täts vermutlich schon haken, und würde sowieso in der Wirkung für die Konsument:innen bald verpuffen, weil ja sonstige, wie auch immer begründete Preissteigerungen dennoch stattfänden; dann bliebe von der schönen Steuersenkung nur noch der nicht unerhebliche Einnahmenentfall für den Staat übrig und damit weniger Möglichkeiten für wirklich entlastende Maßnahmen. Ja, Scherzerl.

Im Sommer dachte der Finanzminister laut über Preiseingriffe3 bei Lebensmitteln nach. Er ging nicht ins Detail, vermutlich, so dachte ich nostalgisch seufzend, schwebte ihm die Auferstehung der Paritätischen Preiskommission4 selig vor. Ich würde das nicht kritisiert haben, ein paar preisgebundene Grundnahrungsmittel stellen ja nicht gleich die ganze freie Marktwirtschaft in Frage, könnten aber durchaus eine Hilfe sein für Leute, die sich heftig abstrampeln müssen, um über die Runden zu kommen. Das Ganze war aber nur ein mediales saures Gurkerl, das umgehend wieder in der Versenkung verschwand, schad eigentlich.

In Bälde Gesetz werden soll die Idee, die Teuerung bei Lebensmittel transparenter zu gestalten: Preiserhöhungen, die durch weniger Inhalt in gleicher Verpackung zustandekommen, müssen deutlich gekennzeichnet werden. Warum? Keine Ahnung – damit Konsument:innen schon vor Erreichen der Supermarktkasse daran erinnert werden, dass sie immer weniger für ihr Geld bekommen? Mir solls recht sein, Transparenz ist immer fein; weitaus hilfreicher fänd ich es aber, wenns eine Verpflichtung gäbe, den jeweiligen Grundpreis in einer Größe anzuschreiben, die auch ohne Lupe lesbar ist5 – Produkt X kann ja trotz Schrumpfung billiger sein als ein Konkurrenzerzeugnis, aber der Vergleich ist halt mühsam, wenn die Grundpreise in kleinwinziger Schrift unter spiegelnder Oberfläche vor den Augen der Konsumentin verschwimmen. Aber Basisdaten gut lesbar zu machen, wär vermutlich zu einfach bei zu viel Nutzen, also kriegen wir eben ein Shrinkflationskennzeichnungsgesetz, und dazu noch die Ankündigung, die Regierung werde sich energisch für die Abschaffung des Österreich-Aufschlags einsetzen. Auf EU-Ebene, versteht sich, das ist praktisch, weil wenn nix draus wird, gibts immerhin schon einen Sündenbock.

Keine Frage, es wurmt, wenn ein und dieselben Waren, sogar die kultigen heimischen Mannerschnitten, jenseits der Grenze billiger angeboten werden, und natürlich murre ich, wenn plötzlich weniger Schokolade in der vertrauten Packung ist. Werde ich weniger murren, wenn der Supermarkt unübersehbar auf den geschrumpften Inhalt hinweist? Wohl kaum, es ändert ja nix. Dafür werd ich noch mehr über die Regierung meckern, die mit großer Geste kleinen Konsument:innenärger aufgreift und so tut, als täte sie was, während sie da, wo sie was tun könnte – bei Vermögens- & Erbschaftssteuern zB – sich darauf versteift, nix tun zu wollen, und das Budget lieber ausgabenseitig saniert, alles wird teurer, Leistungen werden gekürzt, es trifft überproportional jene, die eh kaum was haben – ah, ich hab schon wieder Blutdruck.

Es ist doch so, wenn ich heute Nachrichten höre, gucke, lese, hab ich das Gefühl, der (Sende-)Platz reicht kaum für alle aktuellen Krisen, die Welt, wie sie mal war, zersplittert gerade – aber die regierende Koalition gemächelt sich durchs Geschehen, als hätte sie alle Zeit der Welt, um sich was einfallen zu lassen und dann auch mal was zu tun; bis dahin gibts bloß Rotstift beim Budget und punktuellen Aktivismus wie die Shrinkflationskennzeichnungspflicht, kann sein, die halten das wirklich für Tatkraft, politischer Einsatz für Transparenz ist nicht selbstverständlich in diesem Land. Würde ich auch löblich finden, fühlte ich mich nicht gerade über die Maßen veräppelt.

  1. Territorial Supply Constraints hindern den Handel, sagt dieser, am günstigsten Einkauf, was die Preise in die Höhe treibe; EU-weit gehe es um einen zweistelligen Milliardenbetrag. Die Sache ist komplex: https://en.wikipedia.org/wiki/Territorial_supply_constraints ↩︎
  2. „Wir sind in Österreich sehr rabattlastig, wir machen fast 40% unseres Umsatzes mit Rabatten“, so REWE-Vorstand Marcel Haraszti am 2.11. in der ORF-Sendung „Im Gespräch“; die Preise in Österreich wirkten nur viel höher als die deutschen, weil speziell die AK nur Grundpreise vergleichen würde und die vielen österreichischen Rabatte außer Acht ließe. Nachzusehen leider nur bis 2.12.2025: https://on.orf.at/video/14297817/das-gespraech-mit-susanne-schnabl-teure-lebensmittel-sinken-die-preise ↩︎
  3. https://www.derstandard.at/story/3000000282254/marterbauer-erwaegt-preiseingriffe-bei-lebensmitteln-kann-das-funktionieren ↩︎
  4. Die 1957 gegründete Paritätische Kommission für Preis- und Lohnfragen war eine Art freiwillige Selbstkontrolle der Sozialpartner in Fragen von Lohn- und Preiserhöhungen. Theoretisch für alle Preise im Land zuständig, waren die praktischen Grenzen deutlich enger gezogen, der Schwerpunkt der Tätigkeit lag im Industriebereich. Ich erinnere mich leider nicht, ob die amtlichen Höchstpreisverordnungen, die es für allerlei Lebensmittel gab, von der Paritätischen Kommission verhandelt worden waren oder anders zustande kamen. Es gab beispielsweise einen amtlichen Höchstpreis für Schwarzbrot, der unmittelbar vor der Abschaffung 1988 bei 15,70 Schilling für den 1-Kilo-Laib lag und danach regelrecht explodierte, wie die damalige Wiener Konsumentenstadträtin Christine Schirmer im September 1990 beklagte: https://presse.wien.gv.at/1990/09/17/schirmer-konsumenten-zahlen-voll-fuer-freien-wettbewerb
    ↩︎
  5. To be fair: Zumindest vage angedacht wird derlei ja, aber noch ist nicht raus, ob was draus wird: https://www.derstandard.at/story/3000000287197/wegen-unzulaessiger-rabattaktionen-wirtschaftsminister-hattmannsdorfer-startet-aktion-scharf-in-supermaerkten ↩︎