miserable.outskirts
[ Frau Hellmann wohnt da. ]
[ Frau Hellmann wohnt da. ]
Früher mal, wenn nach einer sehr durchwachsenen Phase ein Wechsel des Lebens- oder Kalenderjahres anstand, wurde oft mit Erleichterung reagiert: Es kann ja nur besser werden. Dieser Grundoptimismus scheint heute weniger ausgeprägt, zwischen den Jahren hörte ich Neujahrsglückwünsche, die mit „Verschrei’s nicht!“ und „Schön wärs, i bin schon froh, wenns net schlimmer wird!“ beantwortet wurden, und ich nickte den so Reagierenden ein Feel you zu. Es ist doch so, selbst wenn 2025 auf der privaten Ebene nicht schlecht oder sogar gut gelaufen ist, das Weltgeschehen gab so wenig Anlass zur Freude, dass offensiver Optimismus zum Jahreswechsel unangebracht und es angemessener schien, milden Pessimismus zu kultivieren, mit der unausgesprochenen Hoffnung, angenehm enttäuscht zu werden.
Drei Wochen später fühle ich mich von 2026 wie von einer Dampfwalze überrollt. Zum Frühstück höre ich Nachrichten von mehreren Sendern, nicht weil ich ein Newsjunkie wäre, sondern weil verschiedene Redaktionen auch verschiedene Meldungen für relevant halten und ich gern einen halbwegs umfassenden Überblick hätte. Nichts, was in die Tiefe geht, verstehen Sie mich nicht falsch, nur eben Das Wichtigste in Kürze, um smalltalktauglich informiert in den Tag zu starten und, wie die Dinge derzeit liegen, die Stimmung zuverlässig versaut zu kriegen. Es ist aber meist zu viel, um alles Gehörte zu überdenken und für mich einzuordnen. In meinem Social Media sehe ich zu den morgens von mir gehörten Themen immer sehr schnell viel klare Kante und bin ein bisschen neidisch, ich irrlichtere bloß so rum und krieg die Meinungen, die ich mir bilden will, kaum zu fassen.
Das wirkt sich auf diesen Blog aus, den ich gestartet habe, um über den Zustand von Globus und Grätzel zu granteln, motiviert, aber besorgt, es könnte an Themen und Anlässen mangeln und er die meiste Zeit brachliegen. Was er nun ja auch tat, aber aus dem gegenteiligen Grund, hier liegen allerlei halberte Posts rum, nicht zu Ende geschrieben, weil das nächste Thema aufploppte, ehe ich das vorige auch nur halb durchdacht hatte, alte Frau ist kein D-Zug, sagten wir früher. So wird das natürlich nix, nicht nur mit dem Blog, es ist das durchaus eine existenziellere Sache, ich muss mich wohl mal mit dem Fragmentarischen anzufreunden versuchen. Damit hätte ich dann doch einen Vorsatz für dieses Jahr, und vielleicht nicht den schlechtesten.
Als ich das spätabends schrieb, lief im Hintergrund ganz leise eine Naturdoku im TV, und als ich mal kurz hinguckte, war da ein kleines Tier, ein bisschen Frettchen, ein bisschen Mäuschen, mit weißen Polka Dots im grauen Fell. Kannte ich nicht, sah aber davon ab, es zu googeln: Das kleine Wesen war sehr niedlich anzusehen und ließ mich lächeln, besser konnte der Moment nicht werden. Ich notierte das, es passte gut zu meinem fragmentarischen Vorsatz, und dass ich den Post nicht gleich online stellte, lag an Frau Hund, nach Gassirunde in Eiseskälte wollte ich nur noch unter die warme Decke.
Morgens überflog ich einen Newsletter und stutzte bei einem Link: War das nicht mein possierliches Tupfentierchen von gestern, da auf dem kleinen Vorschaubild? Verliebt klickte ich – und bedauerte es umgehend: Der Nördliche Quoll [Dasyurus hallucatus]1 ist, informierte mich der Guardian2, jene australische Art, die 2025 am stärksten von staatlich genehmigten Rodungen betroffen war, von Zerstörung ihres Lebensraums vor allem zugunsten des Bergbaus nämlich; Rodungen für die Landwirtschaft sind da noch gar nicht mitgerechnet, wenn ich es richtig verstanden habe.
Ich hätte das lieber nicht gewusst. Ich wäre lieber bei „Oh, was für süße Tupfentiere!“ geblieben, statt „Oje, diese Quolls kämpfen ums Überleben und haben vermutlich schon verloren“ denken und mich deprimiert und missgelaunt für meine Spezies schämen zu müssen. Für die Nördlichen Quolls und ihre Verwandten – es gibt ein halbes Dutzend Arten und sie sind alle gefährdet – macht meine Befindlichkeit ja keinen Unterschied. Andererseits:
„We probably won’t stop the next extinction, but maybe we can slow it. Perhaps we organize our science and ethics to save a species that would have otherwise declined. At the very least, we lose the right to say I had no idea. That’s admittedly small, but is also what responsibility is about.“ 3